
Christa Meier: Vorausgehen, Hrsg: Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2023, 178 S., kostenlos erhältlich bei Friedrich-Ebert-Stiftung.
Im ostbayerischen Magazin „Lichtung“ erschien jetzt die Buchbesprechung von „Vorausgehen“, der Lebensgeschichte Christa Meiers. Schön erkannt, wie Regensburgerinnen und Regensburger 1990 all ihren Mut zusammennahmen und eine Frau als Oberbürgermeisterin wählten, die erste in ganz Bayern. Das ist der Text von Florian Sendtner.
„1990 nahm Regensburg seinen ganzen Mut zusammen und wählte nach zwölf Jahren CSU-Herrschaft wieder SPD, noch dazu – eine Premiere in der zweitausendjährigen Stadtgeschichte – eine Frau als Oberbürgermeisterin.
Die sechs Jahre unter Christa Meier waren für Regensburg ein Segen, sowohl
im Vergleich zu den zwölf Jahren zuvor unter dem CSU-OB Viehbacher als auch
gegenüber den 18 folgenden Jahren unter dem CSU-OB Schaidinger, beides stramm konservativ-autoritäre Machtmenschen. Christa Meier hatte zwar ihre Vorbilder und Idole, doch das meiste im Leben musste sich die studierte Lehrerin erkämpfen. Wo sie auch hinkam, betrat sie Neuland: Als erste in der Familie ging sie an die Uni, als erste Frau wurde sie stellvertretende Landesvorsitzende
der bayerischen SPD, von 1982 bis 1990 war sie die erste weibliche Ausschussvorsitzende im bayerischen Landtag, und dann wurde sie zur ersten Oberbürgermeisterin einer bayerischen Großstadt gewählt.„Vorausgehen“, der Titel ihrer nun vorgelegten Autobiographie, ist also alles andere als eitle Selbstüberschätzung. Diese Frau war tatsächlich oft allein auf weiter Flur. Oder sie hatte nur wenige Mitstreiter. 1974 zum Beispiel waren es zwei weitere SPD-Stadträte, die zusammen mit Christa Meier gegen ihre eigene Fraktion und deren Lieblingsprojekt einer Monsterbrücke über die Donau beim Kolpinghaus stimmten: „Annuß, Brekle, Meier, kurz ABM“. Bei der CSU fand sich auch noch ein Dissident, und damit war der Alptraum namens Auto in der Regensburger Altstadt vom Tisch. Über Eigensinn und Selbstbewusstsein
verfügt Christa Meier definitiv. Auch eine Art von Machtgen zeigt sich schon früh:
Zu Beginn der 50er Jahre – Meier ist Jahrgang 1941 – ist sie die „Anführerin“ einer „richtigen Bande“: „Ein Dutzend Buben aus der Frieden- und der Galgenbergstraße hörte auf mein Kommando.“ Vierzig Jahre später ist ihr „sehr bewusst, dass es in der Stadtverwaltung den einen oder anderen leitenden Beamten gab, der es nicht gewohnt war, eine Chefin zu haben“. In den 70er Jahren, auf dem Land, war es noch ungewohnt, dass eine Frau bei einer öffentlichen Versammlung auftrat. Als „eine der skurrilsten Begegnungen“ bezeichnet Christa Meier eine SPD-Versammlung in Aichkirchen bei Hemau, wo sie sich „in einem großen Wohnzimmer ungefähr 60 Männern gegenüber“ findet, die nur neugierig sind, „‚das Wei‘ – also die Frau – zu sehen“. Vier Stunden dauert die Konferenz: „Die CSU-nahen Männer versuchten immer wieder, meine Positionen auseinanderzunehmen, gaben Kontra und wollten im Grunde
nur, dass ich bleibe.“ Die SPD steigerte sich bei der nächsten Wahl in Aichkirchen „um 100 Prozent: von einer auf zwei Stimmen!“
Florian SendtnerAus: Lichtung – ostbayerisches Magazin, Oktober 2023, S. 56 f.

